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 Grußworte der Schirmherren  

 von Krzyżowa-Music 

Grußworte des polnischen Außenministers Zbigniew Rau
an die Teilnehmer der achten Ausgabe des Kammermusikfestivals 
Krzyżowa-Music

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine Freude, die Schirmherrschaft über das internationale Kammermusikfestival für die kommende Generation „Krzyżowa-Music“ zu übernehmen, das schon zum achten Mal von der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung ausgerichtet und veranstaltet wird.

Ich möchte mich bei der Leitung und den Mitarbeitern der Stiftung für ihre erfolgreiche Arbeit für den Aufbau gutnachbarschaftlicher Beziehungen zwischen Polen und Deutschen auf der Grundlage von gegenseitigem Vertrauen und Verständnis bedanken.

Krzyżowa ist einer der wichtigsten Orte auf der mit symbolträchtigen Stätten gesegneten Landkarte Schlesiens, einer Region mit einer reichen und komplizierten Geschichte. Dieser Landstrich entwickelte sich schon seit dem Mittelalter äußerst dynamisch. Schlesien – stets offen für alle, die sich hier in der Hoffnung auf ein besseres Leben ansiedelten – wurde zu einem kulturellen Schmelztiegel, hier verwoben sich jahrhundertelang polnische, tschechische und deutsche wirtschaftliche und kulturelle Strömungen. Mit dem historischen Schlesien, das heute in die drei Woiwodschaften Niederschlesien, Oppeln und Schlesien aufgegliedert ist, werden nicht weniger als siebzehn Nobelpreisträger in Verbindung gebracht – Schriftsteller, Wirtschaftswissenschaftler, Physiker, Mediziner, Chemiker und Biochemiker.

Der Zweite Weltkrieg wurde nicht nur in der Geschichte der Region, sondern auch derjenigen Mittel- und Osteuropas zum Wendepunkt. Er veränderte die geopolitische Landschaft und den Status von Volksgruppen in Europa. Die Entscheidungen, die die drei Siegermächte 1945 in Jalta trafen, wurden auch den Polen aufgezwungen.

Angesichts der ungeheuerlichen Verbrechen und Zerstörungen während der deutschen Besatzung sowie der Teilung Deutschlands war es in der Nachkriegszeit nicht einfach, Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern aufzubauen. Eine neue Etappe in den deutsch-polnischen Beziehungen konnte erst mit dem Entstehen der politischen und sozialen Massenbewegung „Solidarność“, der endgültigen Niederlage des Sowjetkommunismus in Europa und dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs eingeleitet werden.

Während der Versöhnungsmesse am 12. November 1989 in Krzyżowa tauschten der polnische Ministerpräsident, Tadeusz Mazowiecki, und der deutsche Bundeskanzler, Helmut Kohl, den Friedensgruß aus. Die Umarmung der beiden Regierungschefs wurde zum Symbol für eine neue Dimension der deutsch-polnischen Versöhnung.

Angesichts der Ereignisse, die wir jenseits unserer Ostgrenze erleben müssen, gewinnt die komplizierte Verständigungsarbeit eine besondere Bedeutung. Die fehlende Aufarbeitung der Erfahrung des Totalitarismus, das Versäumnis, sich zu den Sünden der Vergangenheit zu bekennen, und ein mangelndes Verantwortungsbewusstsein sowie der Traum von einem Imperium, das in Wirklichkeit nur ein Gefängnis der Nationen ist, führten zu Russlands Angriff auf die Ukraine, einer nach dem Zweiten Weltkrieg beispiellosen Aggression.

Die schmerzhaften Lehren des Jahres 2022 sind eine Folge des Versagens, auf die Ereignisse vor acht Jahren angemessen zu erwidern. Die demokratische Gemeinschaft hat es im Jahre 2014 nicht vermocht, auf die Annexion der Krim und die russische Aggression im Donbas entschlossen zu reagieren. Die Duldung des Bösen führte wie in den 1930er Jahren zu einer beschämenden Eskalation.

Die Erfahrungen der Vergangenheit und die aktuellen Ereignisse machen uns bewusst, wie wichtig es ist, sich von der totalitären Vergangenheit loszusagen, um eine Verständigung zwischen den Völkern aufzubauen, eine solche, die auf Wahrheit und auf dem Gedenken an die Opfer gründet.

Ich freue mich, dass wir uns erneut in Krzyżowa treffen, diesem symbolträchtigen Zentrum für internationale Begegnungen, Jugendaustausch und Kultur. Möge die diesjährige Ausgabe des internationalen Kammermusikfestivals „Krzyżowa-Music“ Ihnen viele unvergessliche Erlebnisse bescheren.

Allen, die sich aktiv eingebracht haben, den Mitarbeitern und Freunden der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung danke ich nochmals und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit für Versöhnung, Verständigung und Zusammenarbeit.

 

Zbigniew Rau

Außenminister der Republik Polen